"Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." (Goethe in Faust I, Szene "Nacht")
Ich denke, wir leben derzeit in einem kulturellen und religiösen Dilemma: Kulturelles und religiöses Erbe wird kaum mehr übernommen und gelebt, geht verloren und verkommt oft zu bloßer Staffage.
Besonders deutlich wird das beim Umgang mit religiösen Bräuchen und Symbolen:
Denken wir an das goldene Kreuz am Halse der attraktiven jungen Frau, dann ahnen wir, dass sie sich sicherlich nicht bewusst ist, eine Richtstätte zur Schau zu stellen.
Oder denken wir an den Osterschmuck, der vor dem Osterfest die Vorgärten und Fenster ziert, aber danach gleich wieder verschwunden ist, obwohl die Osterzeit viel länger währt.
Für spannend halte ich, dass vorchristliche ("getaufte") Symbole, z.B. das Osterei, das als vom neuen Leben aufgebrochenes steinernes Grab christlich interpretiert wurde, wieder in die alte Bedeutung "zurückrutscht": Ostern als das Frühlingsfest der alten Göttin Ostera.
Offensichtlich werden nun aber nicht die alten vorchristlichen Inhalte, sondern lediglich eine Art von Wohlfühlsymbolik ohne tiefere Bedeutung übernommen.
Deutlich wird das auch dort, wo die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach ethischen Normen, nach dem Sterben oder dem Umgang mit den Toten eine Rolle spielen.
Ich beobachte in Krisen- und Trauerfällen, wie hilflos, auch orientierungslos, Menschen heute oft in diesen Bezugsfeldern sind. Dabei liegt es bei vielen wohl kaum am bösen Willen, sondern eher an Unkenntnis und Unvermögen sich z.B. die mögliche innige Verbindung mit den Vorfahren vorzustellen, die aus dem christlichen Glauben an ein Leben nach dem Tod und regelmäßiger intensiver Grabpflege erwachsen kann: Ich habe Menschen erlebt, die am Grabe mit ihren Verstorbenen sprachen und getröstet den Heimweg antraten.
Manchmal denke ich, dass das Leben, unser Alltag, unsere Kultur, unsere Religion einer Schüssel Wasser gleicht: Die Oberfläche ist spiegelblank. Aber man erkennt die Tiefe nicht. In Krisenzeiten zeigt sich dann, ob kräftigend geschöpft werden kann oder eine flache Pfütze schnell erschöpft ist.
Ganz unbewusst merkt eine Gesellschaft, wenn ihre Schüssel zu flach ist: Sie bekommt Angst vor fremden, vermeintlich stärkeren Kulturen und fürchtet sich (zu recht) vor dem eigenen Untergang. Die Furcht vor Moscheen, Minaretten, dem Islam in Deutschland halte ich für einen Ausdruck solcher Angst, die aus eigener Schwäche resultiert.
Ob unsere persönliche Schüssel tiefer ist, erfahren wir aus der Beobachtung unseres eigenen Verhaltens an solchen Tagen wie Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Weihnachten oder auch an all den Sonntagen, an denen bei uns Gottesdienste stattfinden. Lassen Sie sich herzlich einladen zu dem Mann, der einmal gesagt hat: "Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." GN
Las Posadas - Ein Adventsfest
Lied: EG 1,3 O wohl dem Land
Las Posadas – Herbergen suchen
In Mexiko und im Südwesten der USA wird in den Tagen vor Weihnachten das Fest „Las Posadas“, das Fest der Herbergssuche für die heilige Familie, gefeiert.
Es ist das älteste christliche Fest in Lateinamerika und wurde von dem spanischen Augustinermönch Diego de Soria entwickelt, um das Christentum in der neuen Welt einzuführen.
Heute möchten wir Ihnen dieses Fest vorstellen:
Das Fest dauert 9 Tage, erinnert an die Schwangerschaft der Maria, der Mutter Jesu, und ist eine Vorbereitung auf den Heiligen Abend, die Geburt Christi.
An jedem dieser 9 Abende ist in den Dörfern und Städten eine kleine Prozession unterwegs.
Kinder, die sich als Maria, Joseph, Sterndeuter und Engel verkleidet haben, führen den Zug an, an dem vor allem auch Erwachsene teilnehmen.
Sie besuchen Häuser und Wohnungen von Gemeindegliedern, die vorher ausgesucht wurden und bereit waren, die Besuchergruppe aufzunehmen.
Eine kleine Liturgie wird vor der Haustür gehalten und zum Höhepunkt werden alle bewirtet.
Das Ende von „Las Posadas“ ist dann eine Mitternachtsmesse am Heiligen Abend.
Wir stehen vor der Tür und wollen zuschauen und zuhören:
Spiel / Lieder: EG 10, 2+3; 23, 5-7
Meditation:
„Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“,
so ermuntert der Hebräerbrief (13,2).
Bei den ersten Christen ist die Gastfreundschaft sehr wichtig, ja sie zählt sogar zu den Charismen, den Gnadengaben, den von Gott geschenkten Begabungen der Christen.
Ohne die geübte Gastfreundschaft hätte damals die junge Christenheit nicht miteinander und im Ozean der Kulturen und Religionen auch mit anderen Kontakt halten können. Wahrscheinlich wären die Christen ohne ihre sprichwörtliche Gastfreundschaft nie über die Grenzen von Palästina und Syrien herausgekommen. Die von auswärts kommenden Christen waren angewiesen auf die freundliche Aufnahme in den Häusern ihrer Glaubensgenossen.
Und diese Gastfreundschaft war grundsätzlicher, gespeist auch aus der Tradition des Alten Testaments: Der Gast war heilig und zu schützen (wie weit das gehen konnte, schildert uns die Geschichte des Neffen von Abraham, Lot, der in Sodom 2 Engel bei sich aufnimmt (1. Mose 19)).
Zu dieser Gastfreundschaft gehört das Risiko der Fremdenfreundlichkeit, denn der Gast, der auf Hilfe angewiesen ist, der ist eben der Fremde, der die Verhältnisse nicht kennt, der unsicher ist und weiß, dass er nicht bei sich zu Hause ist.
Wenn wir uns „Las Posadas“ angesehen haben, fragen wir uns, was bei uns aus dieser christlichen Tugend der gastfreundlichen Fremdenliebe geworden ist.
In Notzeiten hat sie funktioniert. Die Älteren können sich erinnern an erfahrene Gastfreundschaft und Enge in Zeiten von Flucht, Vertreibung und Neuansiedlung. - Freilich wünscht man sich diese Situation nicht zurück! -
Fremde, die heute ins Land kommen, werden nicht auf unsere Wohnungen verteilt. Dafür gibt es Hotels, Pensionen oder Flüchtlingsunterkünfte.
Und wenn wir in der Fremde auf Gastfreundschaft angewiesen sind, sind da die Hotels, Ferienhäuser und Feriensiedlungen, die fast überall in der Welt gleich aussehen. Dass wir uns als Fremde im Ausland manchmal nur wenig fremd fühlen, liegt sicher daran, dass wir dort in der Regel ganz isoliert von den Einheimischen leben.
Und doch bleibt es wahr: Überall in der Welt sind auch wir Ausländer, nur eben nicht hier, zu Hause.
Unsere 4 Wände werden uns mehr und mehr heilig, und sogar, wenn wir uns Gäste einladen, verlagern wir unsere Feier oft nach außen und mieten uns ein Restaurant.
Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Menschen auch innerhalb ihrer Familien und Nachbarschaften immer isolierter und fremder werden.
Gastfreundschaft als Fremdenliebe und das gegenseitige Besuchen könnten gerade in unserer Zeit, die von Gewaltbereitschaft und Fremdenangst bedroht ist, wieder zu einer ganz wichtigen Tugend werden:
nicht nur wichtig für unser Erinnern an die Herbergssuche der heiligen Familie in Bethlehem und den ärmlichen Anfang für Jesus Christus in einer Krippe im Stall bei Ochs und Esel, als Erscheinung Gottes bei den Menschen, sondern auch im zivilen, „normalen“ Lebensbereich als etwas, was uns einander wieder näher kennenlernen lässt, uns besser als bisher miteinander verbindet und Vertrautheit schafft, und so Ängste abbauen hilft, die wir so ganz natürlich vor dem haben, was wir nicht kennen, oder zu denen uns immer wieder Fanatiker drängen wollen, die doch nur ihre eigenen Interessen im Auge haben. Amen.
Die Christenlehre-Kinder beten mit Worten aus dem Psalm 24 (7-10):
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.